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ED 02/17: Interview mit Wissenschaftler Fritz Hausjell.

 

ExtraDienst: Wie definieren Sie den Begriff „Fake News“ in aller Kürze?

Prof. Dr. Fritz Hausjell: Heute ist „Fake News“ ein Sammelbegriff für sehr viele Inhalte. Eigentlich ist dieser Begriff für die wissenschaftliche und öffentliche Debatte gar nicht geeignet. Im deutschsprachigen Raum gibt es viele differenzierende Begriffe für alles, was unter Fake News fällt: Das geht von Falschmeldungen über „Grubenhunde“ bis zu „Alternative Facts“, die unfreiwillig lustig sind. Wenn sie aber vom Umfeld des neuen US-Präsidenten verwendet werden, vergeht einem das Lachen.

ED: Also kein neues Phänomen?

Hausjell: Nein. Neu ist nur, dass wir heute deutlich mehr Kanäle haben, über die falsche Behauptungen, die sich als Fakten gerieren, in Umlauf gebracht werden.

ED: Sind Fake News eine Herausforderung an den Journalismus?

Hausjell: Natürlich. Der Journalismus wird mit Vorwürfen konfrontiert, er würde selbst Fake News am laufenden Band produzieren. Da wird das historisch aufgeladene Wort „Lügenpresse“ strapaziert. Auch Falschmeldungen, die in sozialen Medien grassieren, ängstigen viele Menschen. Das alles hat Auswirkungen auf unsere Gesellschaft. Mit Fake News hat die Politik immer schon gearbeitet, fast jeder Krieg begann mit produzierten Falschmeldungen.  

ED: Welche Bedeutung kommt den sozialen Medien zu?

Hausjell: Sie werden von jüngeren Menschen stark genutzt, teilweise ersetzen sie die klassischen Medien, weil sie den Eindruck erwecken, sie würden umfassende Informationen bieten. Dass die Zusammenstellung der Nachrichten auf Algorithmen fußt, ist den meisten nicht klar.

Das Mindeste, was man aus medien- politischer Sicht erreichen müsste, wäre eine Art Beipacktext für Face- book und Co. Dort müsste erklärt werden, dass die Nachrichtenaus- wahl nur auf den Nutzungsgewohnheiten des Users beruht und keinen ausreichenden Überblick über die Nachrichtenlage bietet.

Jetzt versucht Facebook, den klassischen Medien das Überprüfen von Fake News anzuhängen. Es braucht aber die Bildung von Medienkompetenz beim Konsumenten. Dazu brauchen wir in den Schulen freilich entsprechend ausgebildete Lehrer, was nun starten soll.

ED: Leben wir wirklich in postfaktischen Zeiten, in denen man den Menschen alles einreden kann?

Hausjell: Nein, das glaube ich nicht. Der Terminus „postfaktisch“ wird in der medialen Debatte sehr stark verwendet und richtet sich gegen einen Teil der Politik, der es als nicht tragisch empfindet, wenn er beim Lügen ertappt wird. Gefährlich wird es, wenn Fakten nur mehr dann akzeptiert werden, wenn sie der eigenen politischen Ausrichtung entsprechen.

ED: Bis 2015 gab es § 256 StGB gegen „Verbreitung falscher Gerüchte“. Brauchen wir wieder so einen Paragrafen?

Hausjell: Das ist eine nicht leicht zu beantwortende Frage. Ich neige dazu, eher „Nein“ zu sagen. Andererseits haben manche Gesetze präventiven Charakter. Aber in einer gut entwickelten demokratischen Gesellschaft sollten Mediendelikte möglichst nicht im Strafrecht geregelt sein.

Die Gesellschaft müsste mit Medi- enpolitik darauf reagieren, die auch international verankert sein sollte. Denn Facebook agiert eigentlich wie ein Medienunternehmen, da es letzt- lich Nachrichten selektiert. Durch diese Selektion sind sie auch für die Verteilung verantwortlich, und damit sollte das Mediengesetz gelten. Dieses regelt, dass bei falschen Nachrichten Gegendarstellungen möglich sind.

ED: Sollte man nicht gegen die Urheber von Falschmeldungen vorgehen? Führt ein Vorgehen gegen Facebook nicht zur Zensur?

Hausjell: Leider wird man die Urhe- ber meist nicht identifizieren können. Ich empfehle klassischen Medien, ihre Journalismus-Routine zu ändern. Früher wurde über Gerüchte nicht berichtet. Heute sollten Qualitätsmedien Gerüchten nachgehen, sie umfassend recherchieren und berichten, auch wenn nichts dran ist. Das würde den Gerüchte-Fabrikanten ihr garstiges Treiben erschweren.

Klassische Medien könnten so für ihr Publikum Medien-Konsumentenschutz leisten.

 

Ao. Univ.-Prof. Dr. Fritz Hausjell ist stellvertretender Vorstand am Institut für Publizistik- und Kommunikationswissenschaft.

 

Autor: Gerhard Plott

 

Bildcredit: Miel Satrapa